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Zehn Jahre Bastille

Verein bietet Behinderten mit betreutem Wohnen eine Perspektive



Friedrichshain. Sie leben zusammen, machen gemeinsame Ausflüge, kennen sich im Kiez aus und jetzt spielen sie sogar Theater. Die Rede ist von knapp 30 geistig behinderten Menschen, die von den Mitgliedern des Vereins Bastille betreut werden. Seit zehn Jahren gibt es den Verein. Seit 1999 bietet er Wohnbetreuung für Betroffenen an. Vor allem geht es den Vereinsmitgliedern darum, den Betroffenen ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Ganz nach dem Motto: Bastille gemeinsam sind wir stark.


"Wir haben drei WGs mit insgesamt 14 Bewohnern – in der Eldenaer, der Rigaer und der Jessnerstraße“, sagt Bastille-Geschäftsführer Henry Bütow.


"Mit unseren Sozialpädagogen erlernen die Bewohner Verantwortung, soziales Verhalten und eigenständige Lebensführung.“


Sie leben zusammen in Wohnungen, teilen sich dort zwei Bäder, eine Küche und manchmal noch einen zusätzlichen Gemeinschaftsraum. Und dann hat natürlich jeder sein eigenes Reich.


"Wir helfen den Neuankömmlingen bei der Suche nach Möbeln, beraten bei der Einrichtung. Doch die letzte Entscheidung darüber treffen sie in der Regel selbst“, erläutert Bütow.


Tagsüber arbeiten alle in einer Werkstatt für Behinderte. Darüber hinaus gibt es Pläne für das WG-Leben. Die eine kocht, der andere hat den Flur zu wischen, noch jemand anders hält die Bäder sauber.

„Wer was macht, hängt bei uns von den Fähigkeiten der Bewohner ab und auch davon, ob einer bei bestimmten Tätigkeiten noch Probleme hat“, erzählt Bütow. Ziel sei es, diese Schwierigkeiten abzubauen. Darüber hinaus gibt es einen individuellen Entwicklungsplan, um Defizite abzubauen, die die Behinderung mit sich bringt.


Das Beste aber ist, dass die WG-Bewohner die Möglichkeit haben, später in das so genannte betreute Einzelwohnen (BEW) überzuwechseln.


„Bislang sind 15 Leute in eine eigene Wohnung gezogen und bewältigen den Alltag größtenteils allein“, so Bütow.
Die meisten seien nach drei Jahren WG in der Lage, die eigenen vier Wände zu beziehen. Klar ist aber auch, dass die Bastille-Mitarbeiter den Leuten weiterhin zur Seite stehen. „Gerade am Anfang fällt die Umstellung nicht leicht“, so Bütow. „Für alle ist es aber ein wahnsinniges Erfolgserlebnis, diesen Schritt geschafft zu haben.“


Außerdem bilden alle zusammen eine große Gemeinschaft. Gemeinsame Aktionen sorgen für ein familiäres Verhältnis, sowohl zwischen den Bewohnern als auch zu den Betreuern.
Und dann spielt sich alles in Friedrichshain ab, insbesondere im Samariterkiez. Allein durch die räumliche Begrenzung bleibt für die Bewohner alles überschaubar.
Die zwölf Bastille-Mitarbeiter organisieren Ausflüge etwa an den Müggelsee oder zum Motorradrennen am Lausitzring. Oft geht’s auch nur mal zum Bowling im Kiez. „Unter den Vorschlägen waren auch ein Mallorca-Flug sowie eine Sommerreise in den Süden. Die Bewohner können sich aussuchen, woran sie teilnehmen“, sagt Bütow. „Der Mallorca-Flug kam gut an, auf die Sommerreise in den Süden hatte keiner Lust.“


Eine der neuesten Entdeckungen bei Bastille ist das Theater. Schon zum zweiten Mal haben die Bewohner sowohl aus den WGs als dem BEW unter Anleitung ein Stück eingeprobt. Diesmal mit dem provozierenden Titel: Ich will hier raus. Das Bühnenprojekt, das von der AOK unterstützt wird, soll nun jedes Jahr stattfinden.
„Hier proben sie fürs Leben“, berichtet der Geschäftsführer, der wie jeder andere aus dem Verein seine festen Arbeitszeiten hat und sich um die Bewohner kümmert. „Das größte Problem dieser Menschen ist es, Konflikte mit anderen auszutragen. Das lernen sie in den Stücken.“ Es läuft übrigens noch einmal am Freitag, 18.Mai, um 19 Uhr in der Theaterbar an der Chausseestraße 35 in Mitte.


Dietrich von Schell, Berliner Abendblatt

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